Impulse der Woche für zuhause

Der Impuls für die neue Woche geht jeden Samstag gegen Abend online...

 

5. Woche der Passionszeit – „Judika… Gehorsam bis zum Tod“ (29.03.-04.04.2020)

 

"Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele."  (Matthäus 20,28)

 

Er ist kein Held – der Sohn Gottes. Vielmehr ist er ein Diener der Menschen. Mit ihm lässt sich nicht angeben. Mit ihm lässt sich keine Angst verbreiten. Mit ihm lässt sich schon gar keine Macht ausüben. Die Bilder, die wir in der Passionszeit von Gottes Kind sehen, die sind nicht schön. Er wird bespuckt. Er wird geschlagen. Er wird verlacht. Er wird verraten, gefangen genommen und ans Kreuz geschlagen.

Und er selbst?

Er zeigt sich nicht als Held, den das alles kalt lässt. Im Gegenteil: Er schreit. Er hat Angst. Er verzweifelt. Er hadert mit Gott. Er schreit seinen Schmerz in den Himmel. Nichts lässt er aus von unserem Menschsein – aus Liebe zu uns. Er will uns damit zeigen, wo Gott seinen Platz haben möchte. Nicht fern von uns im Himmel, sondern mitten unter uns, hier auf der Erde. Gott will mit uns leben. Unsere Tränen mitweinen. Unseren Schmerz mit uns teilen. Gott lässt uns bei allem nicht allein. Er hat in Jesus alles durchlitten, was wir in unserem Menschsein durchmachen. Er hat alles erlebt, was unser menschliches Leben ausmacht, ohne darin unterzugehen.

 

 4. Woche der Passionszeit – „Lätare… Freude mitten im Leid“ (22.-28.03.2020)


Frau Blumeier ist Mitte 60, sitzt im Rollstuhl und wohnt in Berlin-Marzahn. Als Kind erkrankte sie an Polio – eine Diagnose, die ihr Leben veränderte. Ihr Vater schickte sie trotzdem auf die allgemeinbildende Schule – gegen den Rat der Ärzte und Pädagogen. Bis auf den Sportunterricht hatte sie keine Probleme und schaffte den Schulabschluss.
Sie arbeitete als Sekretärin, heiratete und bekam gegen den Rat der Ärzte einen Sohn - ihr  Ein und Allet". Nach der Wende wurde ihr Betrieb abgewickelt. Im Westen habe Sie als Behinderte ganz schlechte Chancen, prophezeite ihr die Mitarbeiterin im Arbeitsamt. Den Tod ihres Mannes überstand sie – eine schwere Zeit.
Seit kurzem ist Frau Blumeier wieder verliebt. Mit Lutz, einem alten Schulfreund, schippert sie verknallt über beide Ohren über die Spree und die Berliner Seen. Mit Lutz macht sie die schönsten deutschen Weihnachtsmärkte unsicher – jedes Adventswochenende eine andere Stadt. Und wenn sie alle sechs Wochen zur Fußpflege kommt, haut sie ihre Fußpflegerin mit ihrem Optimismus aus den Socken.
Frau Blumeier ist eine „Zustimmungskünstlerin“: Mit Selbstbewusstsein, Lebensfreude und viel Witz meistert sie ihr Leben – mit allem, was es ihr gebracht hat und jeden Tag neu bringt – schließlich ist sie nur „inne Beene, aba nich im Kopp!“ krank, wie sie gerne sagt. 
Ich habe Frau Blumeier im neusten Buch der Schriftstellerin Katja Oskamp (geb. 1970 in Leipzig) kennengelernt. In „Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“1 beschreibt die Autorin, wie sie eine Lebenskrise meisterte und anfing, als Fußpflegerin in einem Kosmetikstudio in Berlin-Marzahn zu arbeiten. In jedem Kapitel beschreibt sie einen ihrer Kund*innen oder Erlebnisse mit ihren Kolleginnen und schnell wird klar:

 

Jeder Mensch geht anders mit den kleinen und großen Schicksalsschlägen im Leben um: 
…da gibt es die Leugner, die – um sich vor dem Schmerz zu schützen – so tun, als sei ihnen nichts widerfahren.

…da gibt es die, die am Leid zu zerbrechen drohen: Überwältigt vom Schmerz können sie einfach nicht „normal“ weiterleben. Sie sind gelähmt von Leid.

…da gibt es die, die noch den kleinsten Schnupfen als persönliche Kränkung des Schicksals empfinden.

…da gibt es die Kreativen, die jeden Schicksalsschlag als Möglichkeit begreifen, ihr Leben neu zu erfinden.

…und es gibt die „Zustimmungskünstler*innen“ wie Frau Blumeier – sie haben die beneidenswerte Eigenschaft, das Leben anzunehmen und das Beste draus zu machen.

 

Vom Umgang mit dem Leid, geht es auch in der 4. Passionswoche mit dem lateinischen Namen: „Lätare - Freue dich!“ Mitten in der Passionszeit, mitten in der Betrachtung des Leidens Jesu macht uns dieser Sonntag klar: Christus ist in die Welt gekommen, um das Leid, die Tränen und den Tod zu besiegen. Wer die Passion Jesu begeht und feiert, der verherrlicht nicht den Schmerz, sondern der feiert das Leben – das ewige Leben – das mit dem Osterwunder zum Durchbruch kommt. Jeder Mensch verarbeitet Leid anders. Jeder Mensch ist mit seinem Leid, seinen Ängsten, seiner Not bei Gott geborgen, egal ob er die Kraft hat weiterzumachen oder am Schicksal zu zerbrechen droht. Leid hat keinen Sinn, aber mitten im Leid ist Hoffnung: Gott hat das Leid überwunden. Der Auferstandene ist der Sieger über Leid und Tod.


Und wer die Botschaft des Sonntags Lätare gerne musikalisch erleben will, dem sei die Bach-Kantate „Jesu, meine Freude" (BWV 227) empfohlen  – hier geht’s lang 


1 Buchtipp:  Katja Oskamp: „Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“, erschienen im Verlag Hanser Berlin
, 2019, 143 Seiten, 16€

 

 

3. Woche der Passionszeit - „Okuli… Die Augen auf Gott richten“  (15.-21.03.2020)

 

 

Die Passionszeit ist eine ganz besondere Zeit im Kirchenjahr. Wir richten unsere Gedanken – oder im Bild dieser 3. Passionswoche zu bleiben: unsere Augen – auf den leidenden Sohn Gottes. Gott wird Mensch, teilt unser Leben und stirbt am Kreuz. Auch im Tod wird Gott uns Menschen gleich. Er stellt sich damit an die Seite aller Menschen, die leiden und spricht: „Hab keine Angst, ich bin da“ – Gott leidet mit, Gott hält unser Leid aus, schweigt mit uns unsere Sprachlosigkeit, weint mit uns Tränen, trägt unsere Angst.
In diesem Jahr ist die Passionszeit aber auch aus anderen Gründen eine ganz besondere Zeit. Ein Virus geht um, das öffentliche Leben wird schrittweise eingestellt. Gottesdienste können nicht gefeiert werden. Soziale Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert werden. Angst und Unsicherheit verbreiten sich….
Eine schwierige Situation für uns als Gesellschaft aber auch für viele in ihrer persönlichen Lebensführung: Was wird aus meinem Betrieb? Wie komme ich über die Runden? Wie geht es den Menschen, die ich liebe?
Gott spricht: „Hab keine Angst, ich bin da!“ – er spricht das jeden Tag zu uns, aber in diesen außergewöhnlichen Tagen ganz besonders. Er ist da, leidet mit den Kranken, hält Leid aus, teilt unsere Unsicherheit und will uns in seinem Segen bergen.
Also: Die Augen auf Gott richten und uns ihm anvertrauen und darauf vertrauen, dass Gott seine Augen nicht von uns wendet – das geschieht unter anderem im Gebet.
Um es mit den Worten des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg zu sagen: „Gottesdienste werden abgesagt. Aber Beten wird nicht abgesagt. Und der liebe Gott weiß ja auch, dass wir in einer Krise sind.“  - oder in den Worten der Bibel: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7)