Impulse der Woche für zuhause

Der Impuls für die neue Woche geht jeden Samstag gegen Abend online...

 

5. Woche nach Ostern: Rogate – „Geh zum Beten in die Kammer!“ (17.05.-23.05.2020)

 

Jesus Christus spricht: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und betet zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgenen sieht, wird’s dir vergelten“ (Matthäus 6,6)

„Geh zum Beten in die Kammer!“, sagt Jesus.

In die Herzenskammer. Wo du die Liebe gebunkert hast. Hör den Klang der zärtlichen Stimmen. Spüre die Wärme von streichelnden Händen. Schau in die leuchtenden Augen der Geliebten. In die hintere Herzkammer. Wo du den Schmerz und die Angst hinräumst, weil du sie am Tag nicht brauchen kannst. Nimm von allem was da ist in deinem Herzen, deinem Leben und in deinen Kammern und bete. Erzähl Gott davon. Halte ihm das alles hin.

„Geh zum Beten in die Kammer!“, sagt Jesus.

Geh durch die zugestellten Kammern deiner Seele. Schau

dir an, welche Erfahrungen dich geprägt haben. Rede darüber, was dich schmerzt oder wovor du Angst hast. Fasse in Worte, was dich bewegt, begeistert und für was du dankbar bist. Sprich aus, was dich hemmt und bremst und immer wieder zurückwirft.

„Geh zum Beten in die Kammer!“, sagt Jesus.

Egal, ob sie aufgeräumt ist oder nicht. Geh dorthin, wo deine Vorräte liegen. Wo du dich auch mal einschließen kannst und nichts

mehr wahrnehmen musst von dem, was da draußen ist. Hier darfst du ganz du sein. Gott ist schon da. Er hört dir zu.

„Geh zum Beten in die Kammer!“, sagt Jesus.

Beten heißt Gott sein Leben hinhalten und ihm von allem zu erzählen, was gerade ist. Jesus schickt dich in die Kammer, in die Stille. Beten kannst du überall. In der Kirche, aber auch zu Hause – mitten in deinem Alltag: Am Küchentisch, am Morgen vom Spiegel, am Abend vorm Fernseher und in der Nacht, bevor du einschläfst. Erzähle Gott von dir und deinem Leben. Vertrau ihm deine Wege an, denn er wird’s wohl machen.

4. Woche nach Ostern: Kantate – „Von Glocken und vom Singen“ (10.05.-16.05.2020)


Acht Menschen stehen zusammen. Natürlich in zwei Metern Abstand zueinander. Und natürlich auch mit Mundmaske vor dem Gesicht. Schließlich ist Corona. Und in solchen Zeiten hält man sich an die Vorschriften – auch wenn es sich doof anfühlt und noch doofer aussieht.
Acht Menschen stehen zusammen und wurden gerade Zeuge eines Wunders. 7.000kg flüssiges Metall – über 1000°C heiß liefen über Gänge im aufgeschütteten Gießhügel: aus dem Schmelzofen direkt in die Glockenformen, die in sechs Metern Tiefe in einer Grube vergraben sind. Drei Glocken wurden gegossen. In der Halle ist es heiß, Dämpfe und Rauch erfüllen den Raum, die Anspannung unter den Gästen und unter den Gießern war groß, es herrschte absolute Stille. Ab und zu ein „mehr Metall“ vom Meister. Sonst hört man nur das flüssige Metall fließen.
Und dann der Moment, auf den alle gehofft haben: Der Guss ist fertig und der Meister hat die erleichternde Nachricht: „Es lief sehr, sehr gut. Wir sind guter Hoffnung, dass alle drei Glocken gelungen sind.“ Und dann beten die acht Menschen gemeinsam mit dem Meister das Vaterunser und beginnen zu singen – den Mundmasken zum Trotz: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren; meine geliebte Seele das ist mein Begehren. Kommet zuhauf, Psalter und Harfe wacht auf: Lasset den Lobgesang hören.“ Acht Menschen singen und geben damit ihren Gefühlen Ausdruck – wie jeder Mensch, der singt.
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Am Freitag, den 08.05.2020 wurde in Neunkirchen/Baden die vierte Glocke für den Turm der Trinitatiskirche in Sondershausen gegossen. Fast 2.500kg wird sie wiegen und den tiefen Grundton des neuen Geläuts bilden. Viele Jahre lang haben viele Sondershäuserinnen und Sondershäuser auf diesen Tag hingefiebert und den Abschluss des Glockenprojekts ersehnt. Das Warten hat sich gelohnt und wir können uns auf das erste Geläut der dann vier Glocken im Turm freuen. Eine kleine Gruppe durfte am 08.05. trotz Corona nach Baden-Württemberg fahren und diesem besonderen Moment beiwohnen. Und als der Guss vorbei war, fiel es nicht schwer in das Lied „Lobe den Herren“ einzustimmen, denn wir durften bei einem Wunder dabei sein.
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„Kantate“ heißt der kommenden 4. Sonntag nach Ostern. „Singet“, so die deutsche Übersetzung. Eine Aufforderung zum Singen und in Loblieder einzustimmen – wie wir am vergangenen Freitag nach dem Glockenguss. „Stimmt in Loblieder ein und freut euch…“ – so die einfache Botschaft.
Wer singt, der gibt seinen Gefühlen Ausdruck. Und am besten singt es sich, wenn man sich freut:
…über das Wiedererwachen und die Schönheit der Natur
…über etwas, was dir gelungen ist
…über etwas, worauf du hingefiebert hast und was endlich gelungen ist
…über Hoffnung am Ende eines schweren Weges
…über die vielen kleinen Siege des Lebens 
Auch die vier Glocken der Trinitatiskirche werden singen, wann immer sie läuten: von Frieden und Hoffnung, von Leben und Liebe, von Gott und der Welt und von unserem Leben. Ich freue mich darauf!
 

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 3. Woche nach Ostern: Jubilate – „Jubeln und Glauben“ (03.05.-09.05.2020)


Manchmal ist mir zum Jubeln zumute…
…wenn mir endlich etwas gelingt, woran ich zu kämpfen hatte.
…wenn sich ein Problem löst, wie ein Knoten.
…wenn ich neue Menschen kennenlerne und Vertrauen wächst.
…wenn ich neue Welten oder neue Gedanken entdecke und begreife.
…wenn sich gerade einfach alles richtig anfühlt…

Jubel wächst in mir, wenn ich das Gefühl habe, mein Leben ganz neu, so wie noch nie vorher, zu spüren, zu erleben, zu begreifen. Jubel reißt mich aus dem Alten, was mich lähmt. Jubel führt mich in etwas Neues, was mich belebt und freut.
Der 3. Sonntag nach Ostern trägt den lateinischen Namen „Jubilate“ und fordert uns damit auf, genau das zu tun. Jubelt, freut euch, jauchzet Gott, alle Welt! Jeder weiß, dass sich Jubel nicht einfach herstellen lässt. Dieses Gefühl braucht einen Anlass. Und gleichzeitig weiß jeder, den schon einmal Jubel ergriffen hat, dass man sich ihm nur schwer verschließen kann.
Ich bin mir sicher – so ist das auch mit dem Glauben. Er wird mir geschenkt. Er kommt von außen. Er ereignet sich. Ergreift mich und mein Leben. Formt meine Beziehungen zu Menschen und zur Welt. Wenn der Glaube über den Zweifel siegt, dann kann ich mein Leben plötzlich ganz neu entdecken, verstehen und leben. Der Glaube reißt mich aus dem Alten, was schmerzt und lähmt. Der Glaube führt mich ins Neue. Der Glaube öffnet mir ungeahnte Lebens-Möglichkeiten. Jesus Christus, der Auferstandene, geht mir voran – und wenn ihm folge, dann verwandelt er mein Leben – wie Jubel.
Ist jemand in Christus so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden!“ (2. Korinther 5,17)
Also: Probieren Sie es – mit dem Jubeln und mit dem Glauben: es lohnt sich –auch und gerade in Zeiten des Zweifels und der Unsicherheit.

 

2. Woche nach Ostern: Misericordias Domini  - "Du bist mein Hirte" (26.04.- 02.05.2020)

  

Der Herr geht neben mir

Er weiß,

was ich brauche und was zu viel für mich ist.

Wo alles dürr und sinnlos erscheint,

kennt er verborgene Quellen.

Er führt mich nie in die Irre,

ich darf ihn doch Vater nennen.

Und wenn die Welt keinen Ausweg weiß,

Angst brauche ich nicht zu haben, denn du bist bei mir.

Du hältst mir dein Jawort hin wie einen stützenden Stab.

Ich sitze so unbekümmert an deinem Tisch, als hätte ich

keine Feinde.

Ich bin dir ganz wichtig, als sei sonst keiner mehr da.

Nie brauch’ ich zu denken: Der Herr vergisst mich.

Du gehst mir überall nach und du hast für mich eine Wohnung bereit,

die Heimat für immer bleibt. 

Winfrid Schiffers

1. Woche nach Ostern: Quasimodogeniti  - "Selber sehen" (19.- 25.04.2020)

 

Gestatten, sein Name ist Thomas.

Sie nennen ihn den Ungläubigen. Schon in der Bibel, später erst recht.

Aber er ist nicht ungläubig. Er hat seine Zweifel. Er steht zu ihnen. Jesus, dem er glaubt, so denkt er, würde ihn verstehen. Was Thomas gesehen hat, hat Thomas gesehen.

Was er nicht gesehen hat, hat er nicht gesehen. Gesehen hat er, dass sie Jesus fertig gemacht und ans Kreuz geschlagen haben. Aber ihn, den Auferstanden, hat er noch nicht gesehen. Er hat große Zweifel an dem, was geschehen sein sollte. Er kann es einfach nicht fassen. Wer nicht hören will, muss fühlen?

Ja, Thomas wollte es. Wollte ihn fühlen. Kann es nur so. Was ist denn schlecht daran?

Er wollte es genau wissen. Seinen Finger in Jesu Wunde legen, aber nicht die alten Wunden noch einmal aufreißen. Denn zu weh tun die Erinnerungen an das Geschehene.

Denn nicht nur die Mächtigen haben getan, was sie konnten: Sich ausgelassen gegen einen, der sich nicht wehrte. Auch sie, seine Freunde, haben doch alles getan, es den Mächtigen leicht zu machen:  Sie haben Jesus im Stich gelassen. Als es darauf ankam, war Jesus allein. Wie eine Zentnerlast lag die Schuld auf Thomas. Wenn von Jesus etwas übrig geblieben war wirklich und leibhaftig, dann hätte Thomas sich gefreut. Doch begreifen, sehen, musste er ihn selbst.

„Ungläubiger Thomas“. So leicht dahin gesagt! Thomas hat an ihn geglaubt. Aber dann war Jesus fort.

Was blieb ihm da anderes übrig, als endlich damit anzufangen, all das anzunehmen. Alles, was war, machte so keinen Sinn mehr, sondern es wurde ihm zum Grab. Alles, das Kleine und Große. Es interessierte ihn nicht mehr, belastete ihn nur. Bis es ihm zu dämmern begann, spät, aber dann doch.

Und nach einigen Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Und da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

  

Auf einmal ER. Mitten unter ihnen. Frieden.

Und dann?

Komm Thomas, sagte Jesus, ich muss dir was zeigen!

Ihm? Warum ihm? Warum nicht den anderen?

Er verstand nicht, kam aus dem Staunen nicht raus. Und doch wollte er es wissen, genau wissen, wieder einmal. Dicht zu ihm hin, sie sehen, die Wunde, wie ein Kind sie fühlen.

Und Jesus?

Er ließ ihm seine Zweifel, ließ Thomas wie er war. Er nahm nur seine Hand, legte sie in die Seine und führte sie. Thomas hätte seine Finger tief in Jesu Wunde stoßen können, wie Nägel, seine Hand wie eine Lanze tief in seine Seitenwunde drängen können, doch Jesus sagte nur:

Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite.

Dann, nur einen Augenblick später: Fühlst du‘s, Thomas? Begreifst du es? Dann glaub!

Und Thomas?

Er ließ es. Glauben? Fragt ihn nicht, ein überwältigender Glaube war es nicht! Mein Gott, brachte er nur stammelnd heraus. Ziemlich wenig, doch Jesus war es genug.

Lange blieb er nicht an diesem Abend. Und als er ging, so glaubte Thomas, da zwinkerte er ihm noch einmal zu, als wollte er ihm sagen: Denk an das Samenkorn, Thomas! Es geht seine eigenen Wege, das Leben ist groß.

Mit etwas Größerem, Christus, hättest du ihn gar nicht überraschen können. 

In die Verstecke seines Lebens bist du mit deinem Frieden gekommen. 

Mit deinem Frieden, der Platz hat für viele hat. 

Mit deinem Frieden, der die Menschen berühren will. 

Aber auch ihren Kopf und ihren Zweifel zulässt und doch über all das hinausgeht, 

weil dir daran liegt, unendlich daran liegt, 

auch (noch) dem letzten Zweifler zu begegnen.

Ostersonntag - "Ein Morgen der alles verändert" (12.- 18.04.2020)

 

 

Langsam geht die Sonne auf. Ein neuer Tag bricht an und mit ihm die neue Woche an. Es ist noch kühl als Maria und Maria von Magdala ihre Sachen zusammenpacken. Ein frisches Leinentuch, wohlriechende Öle, Duftsalben, etwas Wasser nehmen sie mit. Mehr brauchen sie nicht. Sie machen sich an diesem Morgen auf den Weg zum Grab. Es ist ein schwerer Gang. Immer wieder fallen ihre Tränen auf den staubigen Weg. Ihre Augen sind ganz rot und geschwollen. Viele Tränen haben die Frauen in den letzten Stunden um Jesus geweint. Ihr Schritt ist entschlossen an diesem Morgen. Sie wollen Jesus ihre letzte Ehre erweisen: Sie wollen seinen leblosen

Körper mit den wohlriechenden Ölen salben, die sie bei sich haben. So wie es Brauch ist! Sie hoffen darauf, dass Soldaten am Grab sind, um ihnen den Stein wegzuwälzen. Als sie ankommen, ist alles

anders als erwartet: Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber

der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

Die beiden Frauen lassen alles fallen und hasten den Weg entlang zurück in die Stadt. Verschwunden scheinen Trauer und Tränen. Sie laufen so schnell sie ihre Füße tragen, um den Jüngern von dem zu erzählen was sie eben erlebt haben. 

Auf der Hälfte des Weges fällt Maria zurück. Sie ruft Maria von Magdala hinterher: „Maria, warte mal. Bleib stehen!“

Die Magdalenerin antwortet, etwas atemlos: „Komm, wir müssen zu den anderen!“

  „Maria! Lass uns doch mal kurz innehalten.“

„Nein, wir dürfen nicht, wir müssen es ihnen sagen!“

  „Aber was denn?“

Maria, die aus Magdala, bleibt stehen: „Was wir gesehen haben.“

  „Aber, ich bin mir gar nicht klar, was ich gesehen habe.“

 „Das Grab …“

  „… war leer.“

„Der Stein davor …“

  „… weggerollt.“

„Die Wachen …“

  „… am Boden.“

„Der Engel …“

  „Der Engel? Wer weiß, wen oder was wir gesehen haben?“

 

Die Magdalenerin nickt nachdenklich: „Was wir gesehen haben ist jemand, der auf einem Stein saß.“

„Ein Mann ...“

„Mit strahlend weißem Gewand, irgendwie unwirklich.“

„Wir waren schockiert und verwirrt.“

„Und er sah uns an.“

„In diesem Moment hätten wir wahrscheinlich alles geglaubt.“

Maria! Die Jüngerin aus Magdala fasst ihre Freundin an den Armen: „Er sah uns an und sagte: Fürchtet euch nicht!“

Die Andere schaut sie lange an:

„Fürchtet euch nicht! Und da war ein Gefühl, als ob er das nicht nur sagt, sondern auch tut. Ich habe es richtig gefühlt, wie meine Furcht verschwand, als er mit uns redete.“

Und Maria antwortet: „Genau so ging es mir auch! Und erzählt man sich nicht, dass sein Vater schon vor Jesu Geburt den Besuch eines Engels hatte. Er sagte damals auch: Fürchte dich nicht! Deine Frau wird den Retter zur Welt bringen …“

„Du meinst …“

„Ja, Engel am Anfang und am Ende. Engel, die uns erklären, was geschieht – so wie einst den Propheten.“

 Beide gehen schweigend weiter. Sie sind langsamer geworden, laufen nicht mehr.

„Du, Maria“

„Ja?“

„Was der Engel gesagt hat, klang nicht nach Ende.“

„Wie meinst du das?“

„Er hat gesagt, Jesus lebt. Geht nach Galiläa, hat er gesagt, dort werdet ihr ihn sehen!“

 Noch immer etwas benommen von ihren Erlebnissen am Grab, gehen die beiden Frauen weiter- den Weg hinab in die Stadt. Außer ihnen ist noch niemand unterwegs an diesem Morgen. Alles ist noch ganz still. Es ist so als hätte außer den beiden Frauen niemand etwas von den Erdbeben und dem leeren Grab mitbekommen.

Da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Erschrocken knien die beiden Frauen vor ihm nieder. Als ob das was sie am Grab erlebt hatten, für die beiden nicht schon erstaunlich genug gewesen sei- steht er nun vor ihnen - der Auferstandene. Gefühlschaos macht sich in den Frauen breit. Furcht mischt sich mit Freude. Angst mit Hoffnung. Sie können nicht begreifen, was mit ihnen geschieht. Nur langsam dringt die Erkenntnis in ihr Bewusstsein ein. Auch die Jünger auf dem Weg nach Emmaus werden ihre Zeit brauchen. Thomas wird all das, was gesehen ist, nicht glauben, bevor er fühlt und Petrus muss das leere Grab erst mit eigenen Augen sehen.

 Ich bin den Evangelisten unendlich dankbar, dass sie uns so ehrlich von den Erscheinungen des Auferstandenen berichten. Sie unterschlagen die Furcht und den Zweifel der Jüngerinnen und Jünger nicht. Bei ihnen wird deutlich, dass die Menschen selbst nicht begreifen konnten, was sie sahen. Aber sie erzählen es weiter- in aller Uneindeutigkeit- bis heute: Jesus, der Gekreuzigte, lebt.

Selbst von dem Augenblick, als die beiden Frauen ihm tatsächlich begegnen, ihn sehen, wird uns nur erzählt dass sie vor ihm niederfallen: eine Geste der Ehrerbietung. Vielleicht ist es auch nur die Überwältigung. Für uns bleibt offen, wie sie die Erscheinung Jesu aufnehmen - ob ihre Zweifel ausgeräumt sind, ob die Begegnung sie froh macht- wir erfahren es nicht.

Aber mit der Begegnung zwischen den beiden Frauen und Jesus ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Der auferstandene Jesus begegnet

nicht nur den Frauen, die auf dem Weg sind den Jüngern von den Geschehnissen am Grab zu berichten. Er begegnet seinen Jüngern selbst

und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Der Evangelist Matthäus nimmt uns als Jünger mit hinein in die Geschichte.

Mit all unserer Furcht und all unseren Zweifeln.

Jesus lebt.

Aber wie kann ich das Unglaubliche glauben?

Was hier geschieht fügt sich nicht in unsere Kategorien. Jesus ist auferstanden – das ist und bleibt eine Botschaft, die unser Verstehen einfach übersteigt. Schließlich geht es um nichts weniger als dass dem Tod, die Macht genommen wird.

Was ist nicht damit alles in Frage gestellt!

Jesus hat Blinde sehend, Lahme gehend, Kranke gesund gemacht, damit wir das größte Wunder von allen begreifen können: ER hat den Tod besiegt. Als die Jünger ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

Ja, so ist das, sagt der Evangelist: so ging es denen, die ihn kannten und so ging es auch den beiden Marias, die ihn als erste sahen.

Furcht und Zweifel gehen mit, aber auch die Hoffnung und die Gewissheit, dass hier etwas nie da Gewesenes und Umstürzendes geschieht:

Jesus ist auferstanden.

Gott schafft mit der Auferstehung etwas Unbegreifliches und er schafft, dass im Glauben an ihn, das Unbegreifliche für uns glaubhaft wird. 

 

 

5. Woche der Passionszeit – „Judika… Gehorsam bis zum Tod“ (29.03.-04.04.2020)

 

"Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele."  (Matthäus 20,28)

 

Er ist kein Held – der Sohn Gottes. Vielmehr ist er ein Diener der Menschen. Mit ihm lässt sich nicht angeben. Mit ihm lässt sich keine Angst verbreiten. Mit ihm lässt sich schon gar keine Macht ausüben. Die Bilder, die wir in der Passionszeit von Gottes Kind sehen, die sind nicht schön. Er wird bespuckt. Er wird geschlagen. Er wird verlacht. Er wird verraten, gefangen genommen und ans Kreuz geschlagen.

Und er selbst?

Er zeigt sich nicht als Held, den das alles kalt lässt. Im Gegenteil: Er schreit. Er hat Angst. Er verzweifelt. Er hadert mit Gott. Er schreit seinen Schmerz in den Himmel. Nichts lässt er aus von unserem Menschsein – aus Liebe zu uns. Er will uns damit zeigen, wo Gott seinen Platz haben möchte. Nicht fern von uns im Himmel, sondern mitten unter uns, hier auf der Erde. Gott will mit uns leben. Unsere Tränen mitweinen. Unseren Schmerz mit uns teilen. Gott lässt uns bei allem nicht allein. Er hat in Jesus alles durchlitten, was wir in unserem Menschsein durchmachen. Er hat alles erlebt, was unser menschliches Leben ausmacht, ohne darin unterzugehen.

 

 4. Woche der Passionszeit – „Lätare… Freude mitten im Leid“ (22.-28.03.2020)


Frau Blumeier ist Mitte 60, sitzt im Rollstuhl und wohnt in Berlin-Marzahn. Als Kind erkrankte sie an Polio – eine Diagnose, die ihr Leben veränderte. Ihr Vater schickte sie trotzdem auf die allgemeinbildende Schule – gegen den Rat der Ärzte und Pädagogen. Bis auf den Sportunterricht hatte sie keine Probleme und schaffte den Schulabschluss.
Sie arbeitete als Sekretärin, heiratete und bekam gegen den Rat der Ärzte einen Sohn - ihr  Ein und Allet". Nach der Wende wurde ihr Betrieb abgewickelt. Im Westen habe Sie als Behinderte ganz schlechte Chancen, prophezeite ihr die Mitarbeiterin im Arbeitsamt. Den Tod ihres Mannes überstand sie – eine schwere Zeit.
Seit kurzem ist Frau Blumeier wieder verliebt. Mit Lutz, einem alten Schulfreund, schippert sie verknallt über beide Ohren über die Spree und die Berliner Seen. Mit Lutz macht sie die schönsten deutschen Weihnachtsmärkte unsicher – jedes Adventswochenende eine andere Stadt. Und wenn sie alle sechs Wochen zur Fußpflege kommt, haut sie ihre Fußpflegerin mit ihrem Optimismus aus den Socken.
Frau Blumeier ist eine „Zustimmungskünstlerin“: Mit Selbstbewusstsein, Lebensfreude und viel Witz meistert sie ihr Leben – mit allem, was es ihr gebracht hat und jeden Tag neu bringt – schließlich ist sie nur „inne Beene, aba nich im Kopp!“ krank, wie sie gerne sagt. 
Ich habe Frau Blumeier im neusten Buch der Schriftstellerin Katja Oskamp (geb. 1970 in Leipzig) kennengelernt. In „Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“1 beschreibt die Autorin, wie sie eine Lebenskrise meisterte und anfing, als Fußpflegerin in einem Kosmetikstudio in Berlin-Marzahn zu arbeiten. In jedem Kapitel beschreibt sie einen ihrer Kund*innen oder Erlebnisse mit ihren Kolleginnen und schnell wird klar:

 

Jeder Mensch geht anders mit den kleinen und großen Schicksalsschlägen im Leben um: 
…da gibt es die Leugner, die – um sich vor dem Schmerz zu schützen – so tun, als sei ihnen nichts widerfahren.

…da gibt es die, die am Leid zu zerbrechen drohen: Überwältigt vom Schmerz können sie einfach nicht „normal“ weiterleben. Sie sind gelähmt von Leid.

…da gibt es die, die noch den kleinsten Schnupfen als persönliche Kränkung des Schicksals empfinden.

…da gibt es die Kreativen, die jeden Schicksalsschlag als Möglichkeit begreifen, ihr Leben neu zu erfinden.

…und es gibt die „Zustimmungskünstler*innen“ wie Frau Blumeier – sie haben die beneidenswerte Eigenschaft, das Leben anzunehmen und das Beste draus zu machen.

 

Vom Umgang mit dem Leid, geht es auch in der 4. Passionswoche mit dem lateinischen Namen: „Lätare - Freue dich!“ Mitten in der Passionszeit, mitten in der Betrachtung des Leidens Jesu macht uns dieser Sonntag klar: Christus ist in die Welt gekommen, um das Leid, die Tränen und den Tod zu besiegen. Wer die Passion Jesu begeht und feiert, der verherrlicht nicht den Schmerz, sondern der feiert das Leben – das ewige Leben – das mit dem Osterwunder zum Durchbruch kommt. Jeder Mensch verarbeitet Leid anders. Jeder Mensch ist mit seinem Leid, seinen Ängsten, seiner Not bei Gott geborgen, egal ob er die Kraft hat weiterzumachen oder am Schicksal zu zerbrechen droht. Leid hat keinen Sinn, aber mitten im Leid ist Hoffnung: Gott hat das Leid überwunden. Der Auferstandene ist der Sieger über Leid und Tod.


Und wer die Botschaft des Sonntags Lätare gerne musikalisch erleben will, dem sei die Bach-Kantate „Jesu, meine Freude" (BWV 227) empfohlen  – hier geht’s lang 


1 Buchtipp:  Katja Oskamp: „Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“, erschienen im Verlag Hanser Berlin
, 2019, 143 Seiten, 16€

 

 

3. Woche der Passionszeit - „Okuli… Die Augen auf Gott richten“  (15.-21.03.2020)

 

 

Die Passionszeit ist eine ganz besondere Zeit im Kirchenjahr. Wir richten unsere Gedanken – oder im Bild dieser 3. Passionswoche zu bleiben: unsere Augen – auf den leidenden Sohn Gottes. Gott wird Mensch, teilt unser Leben und stirbt am Kreuz. Auch im Tod wird Gott uns Menschen gleich. Er stellt sich damit an die Seite aller Menschen, die leiden und spricht: „Hab keine Angst, ich bin da“ – Gott leidet mit, Gott hält unser Leid aus, schweigt mit uns unsere Sprachlosigkeit, weint mit uns Tränen, trägt unsere Angst.
In diesem Jahr ist die Passionszeit aber auch aus anderen Gründen eine ganz besondere Zeit. Ein Virus geht um, das öffentliche Leben wird schrittweise eingestellt. Gottesdienste können nicht gefeiert werden. Soziale Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert werden. Angst und Unsicherheit verbreiten sich….
Eine schwierige Situation für uns als Gesellschaft aber auch für viele in ihrer persönlichen Lebensführung: Was wird aus meinem Betrieb? Wie komme ich über die Runden? Wie geht es den Menschen, die ich liebe?
Gott spricht: „Hab keine Angst, ich bin da!“ – er spricht das jeden Tag zu uns, aber in diesen außergewöhnlichen Tagen ganz besonders. Er ist da, leidet mit den Kranken, hält Leid aus, teilt unsere Unsicherheit und will uns in seinem Segen bergen.
Also: Die Augen auf Gott richten und uns ihm anvertrauen und darauf vertrauen, dass Gott seine Augen nicht von uns wendet – das geschieht unter anderem im Gebet.
Um es mit den Worten des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg zu sagen: „Gottesdienste werden abgesagt. Aber Beten wird nicht abgesagt. Und der liebe Gott weiß ja auch, dass wir in einer Krise sind.“  - oder in den Worten der Bibel: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7)